Die meisten von uns kannten den Großvenediger (3657 m) bisher nur als großzügiges
Schitourenziel. Der majestätische Berg in den Hohen Tauern bietet aber nicht nur weite Hänge in alle Himmelsrichtungen, sondern auf seiner Nordseite auch einen klassischen Blockgrat, der am 10. und
11. Juli unser Ziel war. Uns Menschen mag der Großvenediger „weltalt“ erscheinen. Sein ehemals grandioser Ornat aus gleißenden Strömen aus „ewigem Eis“ aber geht immer schneller verloren.
Am Freitag fuhren wir gegen Mittag mit dem Sektionsbus los. Um rechtzeitig zum Abendessen um 18 Uhr die Kürsinger Hütte zu erreichen war bei gemeinsamer Anreise für das lange Obersulzbachtal ein E-Bike Pflicht. So motorisiert kamen wir ohne große Mühe in nur einer Stunde vom Parkplatz zur
Materialseilbahn. Für den weiteren Aufstieg zu Fuss hatte dort jeder die Wahl: Rucksacktransport zur Hütte per Seilbahn oder auf dem Rücken.
Wir folgten dann dem Gletscherlehrpfad, an dessen Ende kein Gletschereis, sondern ein Gletschersee, erreicht wird. Weiter gings über den Schmucksteig, einem leichten Klettersteig direkt hinauf zur Hütte, der immer schönere Ausblicke bietet. Nachdem wir unser Tagesziel erreicht hatten, folgte der orientierungstechnisch anspruchsvollste Teil dieser Hochtour: das Auffinden des uns
zugewiesenen Lagers im labyrinthischen Hüttenkomplex.
Wir hatten drei „normale“ und drei vegetarische Abendessen bestellt, damit für jeden etwas dabei ist. Es gab dann sechs Mal ausgezeichnete Kaasspatzn – und für jeden war etwas dabei. Den Rest des Abends wohnten wir auf der Terrasse noch lange dem Spiel von Abendlicht und Wolken an den umliegenden Gipfeln bei.
Über Nacht blieb die Luft sehr mild, und der letzte Schnee auf den Gletschern weich und feucht. Als Sechserseilschaft folgten wir erst dem Normalweg und dann der Spur hinauf in die Meynow-Scharte. Während des Zustiegs zogen immer mehr immer dunklere Wolken auf, die zunehmend die Gipfel verhüllten. In der Scharte wehte zudem ein kalter Wind. Nordwandatmosphäre statt Sommersonne.
Nach kurzer Pause begannen wir die Kletterei in zwei Dreierseilschaften. Auf den ersten Metern war der Fels noch etwas brüchig, und wir bewegten uns noch ungelenk. Oben am Grat war der
Fels dann meist sehr gut, und wir kamen in einen entspannten Kletterfluss. Die Wolken lösten sich unerwartet wieder weitgehend auf, der Wind lies nach, es wurde sonnig. Als letztes Hindernis vor
dem Gipfel musste die schattig-kalte „Boese Platte“ am Ende des Grats überwunden werden. Kein böses Ende, sondern sehr schöne Kletterei an Rissen und kleinen Leisten. Kurz danach erreichten wir den Schnee und in wenigen Schritten den höchsten Punkt.
Ihre Majestät war uns wohlgesonnen. Sonne, Sommerluft und Windstille luden zu einer ausgedehnten Audienz, bevor wir uns über den Normalweg im Nassschnee auf den länglichen Rückweg zur Hütte machten. Nach einer Stärkung auf der Terrasse ging es über den
Normalweg hinunter zu den Rädern. Die Abfahrt fühlte sich noch länger an als die Auffahrt. Irgendwann kamen wir aber doch am Parkplatz an, glücklich eine neue Facette der Weltalten Majestät kennengelernt zu haben.